Windows: Marco Polo's Dream

Windows: Marco Polo's Dream
Markus Heinsdorff und Martin Rosenthal
Ausstellungskatalog 1998
ISBN 3-89322-427-0
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern
Autoren: Agnes Kohlmeyer, Elmar Zorn
Text: Deutsch - Englisch - Chinesisch

 

Markus Heinsdorff - Martin Rosenthal : Die Schachtel in der Schachtel in der Schachtel... (Auszüge)

(...) Im chinesischen „Paradies auf Erden", in Hangzhou am West-See wird im dortigen Zheijang Provincial Museum (...) eine Ausstellung eröffnet. Es handelt sich um zwei deutsche Künstler, Martin Rosenthal und Markus Heinsdorff aus München, welche erstmalig als solche in einem chinesischen Museum ihre „westliche" Kunst ausstellen können. Da stehen verstreut im weitläufig und kunstvoll angelegen Park, ähnlich den Pavillons mit chinesischen Schreinen, acht große, eben diesen Schreinen ähnliche Kästen. Sie sind sehr wirklich, sehr konkret und in etwa so hoch und so breit, wie ein großer stattlicher Mensch. In dieser, fast könnten wir sagen, anthropomorphen Präsenz und ihrer hölzernen Materialität wirken sie stabil und ruhig. Sie sind in chinesischer Manier schwarz lackiert worden, und ein jedes dieser Elemente trägt ein Zeichen auf seiner Frontseite, ein großes, weiß auf schwarz gemaltes Schriftzeichen. Wir sehen diese Kästen in den teilweise sehr alten Park mit seinen kunstvoll geformten Steinen und seinen für unseren „westlichen" Blick seltsamen Pflanzen integriert. Sie fügen sich harmonisch in diese Umgebung ein, aber zugleich bieten sie auch einen ungewöhnlichen Anblick, sie wecken die Neugierde des Betrachters, und sie bringen gleich ganz unmittelbar die weitere Wahrnehmungsebene der Schrift und deren Aussagekraft mit ein. Aus bestimmten Stellungen heraus lassen sich mit dem bloßen Auge gleich zwei oder mehrere Kastenskulpturen erfassen. Das heißt, wir nehmen einen Teil der Installation in seiner Umgebung bereits auf einen Blick wahr.

Jeder dieser Kästen ist von den beiden Künstlern einem unterschiedlichen Begriff und somit Inhalt zugeordnet worden. Der chinesische Ausstellungsbesucher in Hangzhou versteht augenblicklich, denn er kann es lesen und dem figurativen Ideogramm entnehmen, daß es sich hier um „Reise", „Meer", „Wüste", „Tanz", „Wind", „Licht", „Form", und „Leben" handelt. Wenn wir uns nun vor dem ersten dieser Kästen befinden, entdecken wir, daß mitten in die großen weißen Schriftzeichen hinein acht regelmäßig angeordnete hölzerne Klappen eingearbeitet sind, die dazu auffordern, angehoben zu werden, damit wir hinter ihre Fassade schauen können. Der Besucher dieser Installation muß nun mehr als nur schauen, er muß selber aktiv werden. Er muß so nahe wie möglich an das jeweilige Ausstellungselement herantreten, auf ein niedriges und bequemes Podest, das zur Skulptur selber dazugehört, hinaufsteigen. Er muß sich recken oder bücken, er muß unter Umständen den Platz mit anderen teilen, muß abwarten, Geduld üben, bis er selber an der Reihe ist und bis er selber jede einzelne dieser Klappen anzuheben vermag.

An diesem Punkt wird jeder ganz individuell vorgehen. Neugierig werden alle sein, was sich wohl hinter diesen „Fenstern" im Innenleben der Kästen verbergen mag. Aber die einen werden bedachtsam und systematisch Klappe für Klappe öffnen und in das Innere hineinschauen, die anderen werden versuchen so schnell wie möglich alles zu erheischen, was sie nur zu sehen bekommen können. All diese Aktivität leitet nun aber tatsächlich in eine neue, in die dritte Wahrnehmungsebene über. Man sieht sich plötzlich einer einzigen, sehr kleinen Linse gegenüber.

Ein einzelnes Auge allein kann hineinsehen. Sicher ist, daß mit dieser Methode, der Scharfeinstellung des einen Blickauges und der Schließung des anderen, die Konzentration auf das Gesehene erhöht werden kann. Nun befindet sich der Ausstellungsbesucher, der zuvor noch mit allem und mit allen in Kontakt gestanden hatte, nur noch auf sich selbst gestellt, während er in diese weitere Welt hineinzutauchen bemüht ist. Hinter jedem dieser „Fenster" steht der Betrachter nur noch seinen eigenen Eindrücken gegenüber, visuellen, kinetischen und sonoren Erlebnissen.

Da leuchtet es, da dreht sich etwas, da tun sich phantastische Gegenstände und Welten vor uns auf. Wir nehmen winzige Details wahr, eine Briefmarke zum Beispiel mit ihrer ganz eigenen kleinen Welt darauf, mit Bild und Schrift, und wir fügen unsere Assoziationen hinzu, welche alles verwandeln können; wir entdecken ein kleines Zahnrad, einen Schmetterling oder einen Miniventilator, und wir denken, aha, dieses ist Wind. Und schon beginnen wir zu träumen. Es ist nichts, als Farbe, Licht und Bewegung, Fragment von Alltagsgegenständen; in ihrer tatsächlichen Winzigkeit können sich diese Dinge vor unseren Augen und in unserer Phantasie aber tatsächlich verändern, können groß, tief und grenzenlos werden. Natürlich sind all diese Arrangements in minutiöser Kleinarbeit für das Innere dieser Kästen vorbereitet worden. Aber dann, wenn sie so konzentriert betrachtet werden, wenn man die Thematik der Kästen und der ganzen Ausstellung reflektiert, sind es unsere Gedanken und unsere Sinne, die uns sehr viel weiter schicken, in die Ferne, auf eine wirkliche „Reise". Warum nicht durch Wüsten und über Meere hinweg, vom Wind und vom Licht begleitet, den Formen und ihrer Sinnlichkeit gegenüber offen und aufmerksam, dem Tanz geneigt? Das ist das Leben, das Gesamte, das Große, der Raum, der für uns heute keine Begrenzung mehr hat.

Das Ganze, eine schier nicht endenwollende Serie an chinesischen Schachteln, ist, wenn wir so wollen, beliebig aufreih- und fortsetzbar: Eine Installation ist in den Köpfen zweier sehr unterschiedlicher Künstler gewachsen, der eine wie der andere auf der steten Suche nach dem Zusammenhang der Dinge, der Gedanken und der Werke mit der jeweiligen und immer wieder ganz neuen und anderen Umgebung. Diese Art der Installation, welcher jedesmal auch ein Risiko, ein Wagnis inneliegt, das sich aus dem Unbekannten, Neuen und Zukünftigen ergibt, ist in Gemeinschaftsarbeit entstanden. Sie ist nach langen gemeinsamen Diskussionen, aber mit klar getrennten individuellen Beiträgen verwirklicht worden und dabei in einen, allen beiden Künstlern, dem einen mehr, dem anderen durch lange Chinareisen weniger, fremden Kulturkreis gebracht worden. Diesem uns fremden Kulturkreis ist Respekt und Aufmerksamkeit gezollt worden (...) Die Ausstellung ist sodann in einer bestimmten Umgebung eröffnet, erprobt und in ihrer Gesamtheit wahrgenommen worden. Und nun geht sie erneut auf die Reise.

Auf den Spuren Marco Polos werden die Kästen mitsamt ihren Inhalten über den Seeweg nach Venedig geschickt. Hanghzou, Schanghai, Marseille und schließlich Venedig, das sind die Stationen einer langen, viele Wochen andauernden Reise. Die Ausstellungselemente werden bei ihrer Ankunft in Italien kontrolliert, repariert und dann aufs Neue in einem musealen Raum aufgestellt. In einem wieder anderen Sprachumkreis, in einer noch einmal neuen Umgebung, wie etwa einem kleinen Ausstellungsraum, und infolgedessen auch in einer neuen Anordnung - zur Hälfte im Inneren, zur Hälfte in einem kleinen Garten, inmitten der Stadt Venedigs - wird wiederum der Raum, das Umfeld geprägt. Die Kunstwerke zweier deutscher Künstler, mit chinesischen Ideogrammen versehen, möchten diese Mal von einem italienischen Publikum verstanden werden. Anders als (...) zuvor stehen nun die Ausstellungselemente sehr nahe zusammen, genau wie die Häuser in der Stadt selber. Man erfaßt sie allesamt beinahe schon auf den ersten Blick, aber trotz einer größeren Enge ist der venezianischen Installation auch eine besondere Transparenz zu eigen, welche sich aus dem Zusammenhang der einzelnen Komponenten untereinander und der Umgebung ergibt. Vom Platz vor der Fondazione Querini Stampalia aus läßt sich bereits in den Ausstellungsraum hineinschauen, ja sogar das dahinterliegende Grün des kleinen Gartens kann man schon von draußen wahrnehmen. Glas, Messing, Wasseranlagen und eine völlig andere Vegetation und ein ganz anderes Licht bestimmen die neue Umgebung dieser „Reisenden". Die chinesischen Schriftzeichen sind hier fremd, von weit hergekommen, und sie müssen zum Verständnis erst noch übersetzt werden.

Neues ist hinzugekommen, die Bilder und die Erfahrungen der ersten Ausstellung integrieren sich in die zweite.

Aber wenn der Besucher dann auch hier sich bückt und den Schritt von der äußeren Betrachtung und Wahrnehmung in das Innenleben der Kästen hinein tut, wird es wieder ganz von ihm allein, wie stets von jedem Individuum abhängen, wie weit die Reise gehen soll und wie lange sich die Erzählung fortsetzen kann...

(...) Eine der Hauptfiguren unserer „Geschichte in der Geschichte"
ist Markus Heinsdorff mit seinen kinetischen Skulpturen, welche sich durch den Wind oder durch einfache Motorensteuerung in ihrem vorbestimmten Rhythmus bewegen und dabei erstaunliche Kunststücke, wahre Verwandlungsakte mit ihrer eigenen Form betreiben. Heinsdorffs Praxisinstallation besaß bereits thematische Elemente wie Reisen, Alltag, Liebe oder Vergangenheit, Aussicht, Bewegung und Sehnsucht; Begriffe, die in unserer Gedanken- und Sinneswelt zu finden sind und die bestimmte sichtbare Kunstwerke ganz offen in einen Zusammenhang zu jedem möglichen Detail unseres Lebens stellen. Alles hat mit allem zu tun, der „Raum" ist grenzenlos geworden. Das Buch zu den Installationen im Künstlergarten von Las Fosses wird durch ein Zitat von Paul Valery eingeleitet: „Le vent se lève ... Il faut tenter de vivre!". Genau wie der Wind selber ist in Heinsdorffs Arbeiten alles unstabil, fragil, ein Spiel mit Schein und Wirklichkeit, mit unserer Phantasie, mit Illusionen. Die zarten, faszinierenden Goldschmiedearbeiten, die beweglichen Skulpturen, die Überraschungen bergenden Objekte, die offene Vase etwa, oder der doppelte tönerne Krug, aus welchem das „ewige Wasser" herausfließt und bei dem sich niemand eigentlich erklären kann, wieso dieser stete Strom niemals abreißt.

Wasserbecken, Lichtskulpturen, kleinen Monden gleich, welche sich über eine Wiese ausbreiten, Mosaiktische und künstliche Wasserfälle, Fisch- und Schiffsmotive und -formen, Licht und Video, Diskussionen, „Brücken" zu anderen Künstlern und Kulturen, Vielfalt und Öffnung nach allen Seiten, beschäftigen Markus Heinsdorff in seinen künstlerischen Arbeiten.

Agnes Kohlmeyer M.A.,
ehem. Leiterin des Kunstvereins Ludwigsburg, arbeitet als freie Kunsthistorikerin

Markus Heinsdorff I Atelier I Friedrichstr. 27 I D - 80801 München I phone +49 89 220397
fax +49 89 2285340 I mobil +49 173 3923104 I markus@heinsdorff.de I www.heinsdorff.de